Die Erfahrbarkeit der Spur
Über die Kunst von Max Scholz
Von Heinz-Norbert Jocks

 

Mitten in seinem Arbeitsraum mein lang anhaltendes Gefühl, es hier mehr mit einem Labor, in dem Experimente und Analysen durchgeführt,  denn mit einem Atelier zu tun zu haben, in dem Kunstwerke produziert und imaginäre Fantasien ausgelebt werden. Umgeben von seltsamen Fahrzeugen, die keinen Zweck erfüllen, und Schienensträngen, die, an Drähten befestigt, in der Luft schweben oder auf dem Boden liegen, glaubt man zunächst, bei einem passionierten Forscher, Tüftler und Techniker zu Gast zu sein, der sich nicht nur mit Raum, Zeit und Bewegung, sondern auch mit Spuren, Pfaden und Fährten auseinandersetzt. Einer seiner ersten Sätze, den Max Scholz bei unserem Treffen ausspricht, zielt darauf, dass alles um uns in ewige Bewegung versetzt sei und wir selbst nur meinen, stillzusitzen oder stillzustehen. Bewegung und Leben seien wie Tod und Stillstand nur Synonyme.

Auf der Suche nach einer Bezeichnung für seine künstlerische Tätigkeit fällt einem das wenn auch unzureichende Wort vom Kinetiker ein, der schon in jungen Jahren davon träumte,  Erfinder zu werden, und deshalb Formeln errechnete, die es nirgends gab. Im Grunde ist dieses absurde Berechnen von etwas Nicht-Existentem der schöne Ausdruck reiner Zwecklosigkeit, ja eines kunstspezifischen Spieltriebs. Je mehr vertieft in diese imaginäre Welt, um so stärker der Eindruck, hier ringe einer um visuell konzipierte, auf Wesentliches drängende Erkenntnisse. Er will in Erfahrung bringen, wieso der Mensch sich fahrbare Maschinen  und Untersetzer baut und sich dabei selbst in eine verwandelt, und er ist unablässig dabei, Bewegungen in Räumen zu planen, um diese auszuloten. Der Mensch als Bewegungsmaschine, die überall auf unserem Planeten unermüdlich ihre Spuren in Form von endlosen Verkehrswegen hinterlässt, die sich kreuzen, zeitweilig parallel verlaufen, Tunnel durchqueren, dann in andere Richtungen abdriften, ausscheren, Berge unterhöhlen, Flüsse untergraben oder überbrücken, Länder, Orte und Inseln  so miteinander verbinden, dass sich mit den Räumen auch die Kulturen mehr und mehr durchdringen.  Die von einem dichten Verkehrnetz überzogene Erdoberfläche erweist sich als ein ausgeklügeltes, autonomes Spurensystem, bestehend aus Durchfahrten, Brücken, Schwellen und Grenzen. Kreuzungen sind da nichts anderes als Orte der Begegnung und verlegte Schienen wie in die Oberfläche gravierte Linien, die auf die Anwesenheit des abwesenden Menschen verweisen.

Danach befragt, wie es dazu kam, dass er serielle Fahrzeuge baute, um sie auf Schienen Räume passieren zu lassen, so dass sich dabei sich verändernde Bewegungschoreographien ergeben, bekundet er sein anfängliches Unbehagen an kleinen Kunstobjekten, die sich ohne Bezug zum Raum um sich selbst drehen, wo doch der unhintergehbare Urtrieb des Menschen darauf fixiert sei, die Welt zu erkunden. Räume werden so verzeitlicht, und die Zeit verräumlicht. Ja, der zu erkundende Raum ist ihm heilig und die Bewegung eine mit der  Zeit verschweißte Eigenschaft unseres suchenden Seins. Kein Wunder, dass ihn Virilios Lehre der Beschleunigung fasziniert, wonach Zwischenräume mit zunehmender Geschwindigkeit verschwinden und Räume mehr und mehr schrumpfen, und kein Zufall, dass er über die rege Dauerbeschäftigung mit Bewegungsabläufen zu existentiellen, allzu existentiellen Themen findet.

Wer die ausgelegten Schienen mit den archaisch wirkenden Fahrzeugen erspäht, bei dem werden unwillkürlich Erinnerungen an die glorifizierte Zeit

wachgerufen, da der Mensch begann, sich die unendlichen Weiten der Prärie per Eisenbahn zu erschließen, oder an die Epoche, da die beiden Großmächte Russland und Amerika ihren unerbittlichen Wettkampf um den zukunftverheißenden Weltraum führten, der den Tod vieler Kosmonauten und Astronauten kostete und bekanntlich mit der legendären Landung auf dem Mond endete. Seine jüngste Rauminstallation „ auto bahnen “ in der Alten Rotation erstreckt sich über eine Fläche von 100 Quadratmetern. Mit senkrecht und waagerecht parallel zueinander verlegten Schienen so bestückt, dass der Verlauf der Linien sich zu einem großzügigen Rechenkästchenmuster fügt, wird der automobile Teppich von zehn Fahrzeugen aus schwarzem Kunststoff befahren. Es kommt weder zu Unfällen noch zu Störungen oder anderen Zwischenfällen. Die Abstände zwischen den wie von unsichtbarer Hand gesteuerten, führerlosen Fahrzeugen sind genau berechnet. Dort, wo sich Bahnen überschneiden und die Gefahr einer Karambolage drohen könnte, kommt es immer wieder dazu, dass Fahrzeuge wie vor einer imaginären roten Ampel anhalten und anderen die Vorfahrt lassen. Der reibungslose Verkehrsfluss, die wie eine Choreographie  wirkt, verdankt sich einer Harmonie von Bewegungsfolgen, die auf andere reagieren. Geschwindigkeit, Abstand der Mobile, Fahrtakt und Pausen sind vom Künstler dabei so genau abgestimmt, dass sich uns der Eindruck von einer absoluten Bewegung vermittelt, die sich endlos fortsetzt. Es scheint, als träume da jemand davon, dass etwas aus sich selbst heraus funktioniert.

Wir selbst werden hier zu bloßen Augenzeugen am Tatort,  die von oben in den Industrieraum blicken und den von den Mobilen ununterbrochen erneuerten Fluchtlinien folgen. Es ist ein ewiges Kommen und Gehen. Ein geräuschvolles Hin und Her. Eine technisch ermöglichte Zeremonie ewiger Wiederholungen. Obgleich gar nicht viel zu sehen, da alles auf ein ästhetisches, ja praktisches Minimum reduziert ist, werden durch diese Art der Versuchsanordnung  in uns komplexe, um die Dynamik der Welt kreisende  Gedankengänge ausgelöst. Darunter Ursprungsfragen nach dem eigentlichen Sinn des Fahrens, nach der alten Idee des Transports und nach der universalen Bedeutung des Unterwegsseins. Es ist, als gewännen wir plötzlich mehr Abstand zu der lässigen Selbstverständlichkeit, mit der wir uns tagtäglich von hier nach dort befördern lassen. Evident wird, dass wir Sesshaften dazu neigen, unsere Spuren  in Form von Verbindungslinien zu verewigen, und wir uns alle Räume, sowohl die unterirdischen als auch die überirdischen und die in der Luft, auf diese Weise aneignen.

Es genügt, ein Minifahrzeug mit einem Bleistift auszurüsten, damit dieser die buchstäblich erfahrenen Linien nachzieht, um zu verdeutlichen, dass die Verlegung von Schienensträngen dem Akt des Zeichnens gleicht. Jede Zeichnung setzt eine Bewegung voraus, so dass eine gezogene Linie nichts anderes ist als die auf einem Blatt Papier verlängerte Spur der sich bewegenden Hand.  Die Schienenstränge sind letztlich nichts anderes als materialisierte Trampelpfade, welche die exakte Wiederholung eines Wegs in der Zeit ermöglichen. Die technischen Geräte verkörpern dabei Naturgesetze, die hier nicht nur eine andere Form der Sichtbarkeit erlangen, sondern auch in eine Ästhetik der Spur übersetzt werden.